Letztens saß ich in einem Gottesdienst und lauschte einem sehr dualistischen Predigtbeitrag, während draußen auf der Straße die Demo zum Weltfrauentag – obwohl in diesem Kontext wohl tatsächlich eher die Beschreibung feministischer Kampftag zutreffend ist – begann. Ich spürte einen impulsiv den Wunsch, aufzuspringen und rauszulaufen. Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht weg von dem Ort, an dem ich war. Denn obwohl ich mit dem Vortrag inhaltlich so meine Schwierigkeiten hatte, ist diese Gruppe von Menschen, die sich Kirche nennt, und eben diese Spannungen aushalten kann, ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich spürte kurz eine innere Zerrissenheit. Und dann die Gleichzeitigkeit. Und beschloss, mich gleich nach dem Gottesdienst der Demo anzuschließen. Denn in meine Welt soll beides passen. Aber wie wird das möglich?
Als Feministin stehe ich dafür, dass Frauen die gleichen Rechte haben wie alle Menschen – speziell im Vergleich zu Männern. Und gleichzeitig stehe ich als Christin in einer Gruppe der Gesellschaft, die dafür verantwortlich ist, dass Ungerechtigkeiten Frauen gegenüber gesellschaftlich noch tiefer verankert sind und die sich teilweise ganz aktiv gegen Frauenrechte ausspricht. Wie geht das?
Manchmal finde ich diesen Spagat fast unaushaltbar. Denn von der anderen Seite drücken die Fragen ja genauso. In frommen Kreisen werde ich als unbequem und unangepasst wahrgenommen. Manchen bin ich zu kämpferisch, und meine Fragen, meine Haltungen und Entscheidungen verunsichern das System. Meine Gedanken scheinen so „von außen“ zu kommen, wirken so unbekannt und machen vielen Christen erst einmal Angst. Besonders, wenn der Glaube zu einem großen Teil dazu dient, das eigene Sicherheitsbedürfnis in dieser unsicheren Welt zu befriedigen. Dann darf an diesem System nicht gerüttelt werden – denn dann würde die eigene Welt vielleicht wackeln.
Also, wie geht das? Christin und Feministin sein?
In meiner Welt gründet sich mein Feminismus in meinem Glauben. Es ist kein grundsätzlicher Widerspruch. In meinem Verständnis erdachte Gott sich den Menschen (hebräisch als Singular) als Mann und Frau (hebräisch im Plural), beide gleichberechtigt nach seinem Bilde. Die Frau nicht aus einer kleinen Rippe, sondern aus der Hälfte (hebräisch Zela) des Menschen. Und auch wenn beim Lesen der biblischen Erzählungen immer wieder deutlich wird, dass hier aus patriarchalen Strukturen heraus geschrieben wird, sind gerade in diesen Strukturen für mich Sätze wie: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“, die mehrfach wiederholt werden, besonders aussagekräftig. Das ist die Welt, auf die ich hinlebe. Eine Welt, in der das Realität wird. Das ist das Ziel meines Glaubens.
Und wenn wir mal die Beschreibungen Christin und Feministin wegnehmen, dann bin ich ja vor allem erst einmal Mensch. Dann erst bin ich eine Frau, eine Christin und eine Feministin. Und darüber hinaus bin ich vermutlich auch eine Freundin, eine Mutter, eine Tochter, eine Nachbarin – und so viel mehr.
Und als denkender Mensch auf dieser Erde glaube ich einfach, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass es ein Wesen gibt, das komplexer und liebevoller ist als wir, das sich diese Welt ausgedacht hat und sie in irgendeiner Form zusammenhält. Und am sympathischsten von allen Angeboten, die mir da auf spiritueller Ebene gemacht werden, ist mir nach wie vor die Person Jesus. In ihm finde ich mein „richtig gut“. Und wenn dann der Kopf mal leiser wird und ich mich auf die Realität einlasse, dass ich auch ein spirituelles Wesen bin, dass ich als Mensch auch Dinge wahrnehmen kann, die nicht erklärbar sind, und wenn ich dann dort Gott treffe – mit seiner oder ihrer Wärme, Annahme und Stärke – dann bin ich an dem Punkt, an dem ich glaube. Warum ich glaube. Weil dort mein Anker liegt.
Mein denkender Glaube hat sich verändert – verändert sich und muss sich meiner Meinung nach auch immer verändern. Er muss am Leben getestet, hinterfragt, diskutiert und infrage gestellt werden. Gerade weil ich nicht nur persönlich glaube, sondern als Theologin auch den Anspruch habe, dass mein Konzept einer gewissen Allgemeingültigkeit standhalten kann. Deshalb erkenne ich Kritik an, denke, zweifle, frage, dekonstruiere und diskutiere ich. Gleichzeitig ist mein Glaube, mein Anker, absolut persönlich und intim. In meinem innersten Kern kenne ich meinen Gott. Ich treffe dort Gott. Und in meinen schönsten Momenten bin ich ihm dankbar. Und in meinen stärksten Momenten bin ich mutig, weil ich weiß, ich falle nur auf ihn zurück. Und in meinen ängstlichsten Momenten weiß ich mich dort gehalten. Deshalb glaube ich. Und all diese Momente trage ich in meinem Herzen. Als Mensch. Komplex genug, dass beides in meine Welt passt: Christin und Feministin. Und noch so viel mehr.
Das hast Du alles sehr gut verfaßt und Deine Sichtweise kann ich nur teilen! Alles Gute, Gottes guter Segen leite Dich weiterhin! Herzliche Grüße von Wilfriede Saint-Denis
Wundervoll geschrieben!
Wunderbar zu lesen!
Danke, Sarah, für die Zeit und Energie und den Mut und all die anderen Emotionen, die du in deine Texte packst und mit allen, die es lesen mögen und dürfen, teilst!